Viva la Revolution? „Ein Volksfeind“ im Theater Münster

Junges Glück: Billing (Maximilian Scheidt), Hovstedt (Dennis Laubenthal), Frau Stockmann (Julia Stefanie Möller), Dr. Thomas Stockmann (Aurel Bereuter), Peter Stockmann (Mark Oliver Bögel)

Junges Glück: Billing (Maximilian Scheidt), Hovstedt (Dennis Laubenthal), Frau Stockmann (Julia Stefanie Möller), Dr. Thomas Stockmann (Aurel Bereuter), Peter Stockmann (Mark Oliver Bögel) | Foto: Oliver Berg

Tocotronic im Theater? In einem Stück von 1883? In „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen ist das nicht nur möglich, es funktioniert auch. Nachdem Thomas Ostermeier das Drama zuletzt an der Schaubühne Berlin ordentlich entstaubte, zeigt nun auch Regisseur Frank Behnke, dass sich dessen Handlung ebenso gut noch heute abspielen könnte. David Hohmann bringt diese durch sein Bühnenbild nach Münster: Im Scherenschnitt werden Münsters Hausdächer dargestellt, während sich im Hintergrund alte Fahrräder apokalyptisch zu einem großen Berg auftürmen. So wird der Sumpf aus Korruption und Meinungsmache in eine Stadt verlagert, die ansonsten ja eher provinziell und brav daherkommt.

Zu Beginn probt eine Band im Wohnzimmer: Ihre Mitglieder sind um die 30 und der Songtext ist geprägt vom unbedingten Willen etwas in der Welt zu bewegen. Als einer von ihnen, Thomas Stockmann, die Ergebnisse einer Analyse des Wassers des städtischen Heilbades erhält, wähnt er sich als Retter der Stadt. Denn die Werte belegen eine gravierende Belastung mit Schadstoffen. Schnell hat er seine Bandkollegen Hovstedt und Billing, beide bei einer Zeitung beschäftigt, hinter sich und auch Zeitungsverleger Aslaksen sichert ihm seine vollste Unterstützung zu. Alle wittern eine große Story, denn das Bad soll die Stadt zu einem Erholungszentrum machen und so haufenweise Geld in die Stadtkasse spülen.

Sprühen vor revolutionärem Geist: Hovstedt (Dennis Laubenthal), Billing (Maximilian Scheidt), Dr. Thomas Stockmann (Aurel Bereuter)

Sprühen vor revolutionärem Geist: Hovstedt (Dennis Laubenthal), Billing (Maximilian Scheidt), Dr. Thomas Stockmann (Aurel Bereuter) | Foto: Oliver Berg

Als der Stadtrat und gleichzeitige Bruder von Thomas Stockmann, Peter Stockmann, die ganze Sache lieber vertuschen will, ist es längst zu spät. Dennoch versucht er zunächst seinem Bruder den Mund zu verbieten und droht ihm später unverhohlen mit Konsequenzen für die Karriere und seine junge Familie.

Thomas Stockmann lässt sich jedoch nicht einschüchtern und kämpft weiterhin für seine Wahrheit. Doch dann kommt heraus, dass die Kosten für die Behebung der Baufehler im Bad die Stadt in den Ruin stürzen und die nötige vorrübergehende Schließung des Bades einen untragbaren Imageverlust nach sich ziehen würde. Von da an kippt die Stimmung immer mehr zu Thomas Stockmanns Ungunsten und er verliert jeglichen Rückhalt. Wer hat letztlich Recht? Ist Thomas Stockmann nur ein durchgedrehter Fanatiker, der jeden Blick für realistische Lösungen verloren hat?

Am Ende: Dr. Thomas Stockmann (Aurel Bereuter) | Foto: Oliver Berg

Alleine: Dr. Thomas Stockmann (Aurel Bereuter) | Foto: Oliver Berg

Henrik Ibsens gesellschaftskritisches Drama wird hier mit viel Spannung aufbereitet. Anschaulich zeigt das Stück, wie die Machtverhältnisse zwischen Politik, Presse und Volk verlaufen können: Obwohl innerhalb der ca. 100 Minuten die Figuren einen großen Sinneswandel durchlaufen, sind ihre Handlungen und Beweggründe nachvollziehbar. Dazu werden sie gründlich etabliert und das Stück nimmt zunächst nur langsam Fahrt auf. Das Tempo wird aber immer mehr angezogen und gipfelt schließlich in einer großartigen Rede Thomas Stockmanns bei einer Bürgerversammlung, die jeder politisch interessierte Münsteraner gehört haben sollte und bei der das Theaterpublikum deutlich involvierter ist, als es sich das vielleicht wünscht.

„Ein Volksfeind“ ist absolut sehenswert. Die Inszenierung macht guten Gebrauch von den vielfältigen Möglichkeiten des modernen Theaters. Ist man erstmal im Sog der Entwicklungen gefangen, fiebert man mit den Schauspielern auf der Bühne mit. So ist das Stück selbst dann empfehlenswert, wenn man vorher noch keine Berührungspunkte mit der Theaterkultur hatte.

“Ein Volksfeind” läuft noch bis zum 20.03.2014. Alle Termine findet ihr auf der Website des Theaters.

Über Bastian Worrmann

Ich bin hier der Videotyp. In Kamera, Schnitt und Animationen bin ich irgendwie so reingerutscht und mache das längst nicht mehr nur für fietscher. Auch die Angst vor dem weißen Blatt und dem blinkenden Cursor kann ich inzwischen ganz gut mit der Tastatur bekämpfen. Als gelegentlicher Schauspieler am Theater schreibe ich dann am liebsten... Genau. Über Theater.

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