Verrätselt und doch bedrohlich nah: “Die Unsichtbaren”, das neue Album von Messer

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Verrätselte Texte und düstere Musik, die nach vorn geht – Messer lassen eine ganz besondere Atmosphäre entstehen. Sie sind dabei laut, roh und fordernd und fast schon bedrohlich anwesend. Selbst da, wo sie die Zuhörer mit ihren Texten in unbestimmbare Traum- und Unterwelten mitnehmen. „Trinkt die Nacht, trinkt die Luft der Nacht“ singt Hendrik Otremba in „Die kapieren nicht“, der zweiten Single von ihrem neuen Album „Die Unsichtbaren“. Schlagzeuger Philipp Wulf erzählt im Gespräch mit fietscher, wie es nach dem erfolgreichen ersten Album weiterging.

fietscher: „Im Schwindel“ kam 2012 raus und wurde in den meisten Kritiken hoch gelobt, „Die Unsichtbaren“ wurde jetzt direkt in der Spex, Intro und bei Spiegel Online besprochen und war in mehreren Radiosendern Album der Woche – habt ihr mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet?

Philipp: Nein, gar nicht, ganz im Gegenteil. Bei der ersten Platte war es schon überraschend, wie viel Aufmerksamkeit es da gab. Aber uns war auch klar, dass das so eine Art Schneeball-Effekt war, wenn die einen darüber berichten, müssen die anderen auch… Man bildet sich da nicht so viel drauf ein, vor allem, wenn es eine Platte ist von einer Band, die nicht nur gefühligen Gitarrenpop machen. Dann kommt aber dieses zweite Album. Und dann weiß man auch ganz genau, dass es die gleichen Leute, die das letztes Jahr noch gut fanden, vielleicht sagen, na ja, jetzt hätten die sich auch irgendwie anders entwickeln können. In der langen Zeit zwischen erstem und zweitem Album hatte ich sehr oft große Bedenken, wie das angenommen wird. Das, was wir in der ersten Woche jetzt schon zugetragen bekommen, das ist wirklich unglaublich. Also damit kann man vorher nicht rechnen.

Lasten auf dem zweiten Album denn viele Erwartungen?

Ja, aber darüber haben wir gar nicht so sehr nachgedacht. Man liest es immer, dieses verdammte zweite Album. Beim Schreiben und Aufnehmen haben wir uns das gar nicht vergegenwärtigt, es ist uns erst hinterher eingefallen. Das ist bei uns ganz oft so, dass dieses Nachdenken darüber erst hinterher einsetzt. Die Platte ist sehr unkonzeptionell entstanden. Nachdem wir nach der „Im Schwindel“ aus dem Studio kamen, hatten wir keine Lust, immer nur die alten Sachen zu proben und haben einfach mit neuen Stücken weiter gemacht.

Auch wenn es vielleicht unkonzeptionell entstanden ist, von der Bildsprache her hängt das Album ja schon zusammen. Es geht um die Nacht und die Stadt und den Rausch und das Düstere, Unbekannte.

Ja, das stimmt, aber was davon jetzt beabsichtigt ist und was nicht, das legen wir ja nicht unbedingt offen. Und es ist eigentlich auch egal, denn jeder entdeckt etwas anderes daran. Deshalb sind Rezensionen so spannend, weil Andere Dinge entdecken und beschreiben, über die wir gar nicht so nachgedacht haben. Und was die dann entdecken, das ist ja auch in sich schlüssig und nicht weniger gültig. Das macht Spaß, wirklich.

„Die Unsichtbaren“ erscheint wie „Im Schwindel“ wieder beim Label This Charming Man Records aus Münster. Diesmal habt ihr als Produzenten Tobias Levin gewählt, der unter anderem auch schon mit Tocotronic gearbeitet hat. Warum habt ihr Euch für ihn entschieden und was hat er Neues mit reingebracht?

Tatsächlich war das schon immer mal ein Wunsch von uns, mit Tobias Levin eine Platte aufzunehmen, weil wir Produktionen von ihm kannten oder auch Bands in denen er gespielt hat gut fanden und uns die Atmosphäre, die er da aufbaut, gefiel. Und dann haben wir ihn tatsächlich in Hamburg kennen gelernt, als wir da gespielt haben und kamen ins Gespräch. Das war wirklich eine tolle und fruchtbare Zeit, weil er auf eine besondere Art und Weise arbeitet. Er sprudelt vor Ideen, was man machen und ausprobieren könnte. Später hab ich den Mix begleitet, da passiert ja dann erst das, was man so Produktion nennt. Der Anfang war ja erstmal roh und live und direkt, und da kam dann noch etwas Künstliches hinzu, indem er analoge Effekte eingespeist hat und Sachen noch mal klanglich umgestaltet hat.

Im Frühjahr wart ihr zuletzt auf Tour und habt da auch schon ein paar Stücke des neuen Albums ausprobiert. Wie wichtig sind die Live-Konzerte im Verhältnis zu der Arbeit im Studio?

Wir würden wahrscheinlich mehr touren, wenn sich das noch mehr mit unserem Leben in Einklang bringen ließe. Um die Platte aufzunehmen, haben wir die Stücke so gespielt, wie wir es im Proberaum oder live machen würden. Dennoch ist im zweiten Schritt natürlich noch einiges dazu gekommen. Es muss im Studio nicht genauso klingen wie live, wir mögen es, das zu verfremden. Das sind schon unterschiedliche Situationen. Im Studio reizen wir die Möglichkeiten aus, was uns einfällt und was technisch möglich ist, und live machen wir es auf eine andere Art und Weise, da haben wir die Menschen vor uns und können kommunizieren und vieles über die Energie übermitteln.

„Neonlicht“ und „Die kapieren nicht“ sind die Single-Auskopplungen des Albums, welche Stücke liegen Euch außerdem besonders am Herzen?

„Süßer Tee“ ist ein Stück, wo wir uns glaube ich sehr einig sind, da gefällt uns diese dichte Atmosphäre. Das hat auch noch mal Gitarren-Overdubs bekommen. Wenn ich es selber jetzt höre, da weiß ich schon nicht mehr, was jetzt was ist. Und ein anderes ist „Tiefenrausch“ weil es für uns eines der unüblichsten Stücke ist, es ist sehr langsam und eben nicht so direkt. Da find ich auch den Text auf eine besondere Weise interessant. Hendrik spricht da von einem Traum von seinem Vater und findet unglaublich starke Worte.

Euren Texten kreisen um ähnliche Motive und Themen wie auf dem ersten Album, es geht um Traum- und Gegenwelten. Hendrik, der die Texte ja schreibt, hat glaube ich irgendwo gesagt, dass er sich mehr getraut habe. Sind die Texte persönlicher geworden?

Ja, auf eine Art vielleicht persönlicher. Das Interessante daran ist, dass die Texte dabei aber nicht unbedingt direkter geworden sind, das macht es nicht einfacher, den Menschen, der dahinter liegt, da rauszufiltern.

Und wie hat sich eure Musik weiterentwickelt?

Es sind ja schon zwei sehr verschiedene Platten, aber vom Schreibprozess her fing das unmittelbar an, nachdem die erste Platte abgeschlossen war, das ist also ein Prozess, aus dem wir dann zwei mal so eine Art Gegenwartsbestimmung rausgezogen haben. Das hat sich alles sehr organisch weiterentwickelt. Es gibt die Versuche, jetzt mehr zu singen und weniger zu Sprechen und zu Schreien. Tendenziell funktioniert das neue Album vielleicht nicht mehr so sehr über eine Härte im Gesang oder im Klangbild, es funktioniert eher über eine Atmosphäre, über eine Vielschichtigkeit im Sound.

Dann habt ihr Anfang des Monats noch einen Coversong veröffentlicht, „Bonnie and Clyde“ von Serge Gainsbourg. Hendrik Otremba im Duett mit Dagobert, dem, wie ihr selbst schreibt „sympatischen Schnulzensänger aus den Bergen“. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Wir haben ihn in Chemnitz auf einem Festival kennen gelernt und das war wirklich sehr witzig und man merkte, der Typ ist genau so, wie alle immer sagen. Und dann kam uns irgendwie diese Idee, dass wir mal einen Coversong machen wollen. Wir haben erst überlegt, welche Frauenstimme das machen könnte. Und da war dann schnell die Idee mit Dagobert im Raum und Hendrik hat ihn angerufen und er hat einfach unmittelbar ja gesagt. Vielleicht ergibt sich sogar noch mehr daraus, ein Video zu dem Song ist schon geplant.

Dann alles Gute dafür und vielen Dank – und wir hoffen natürlich, Euch bald wieder auf Konzerten hören zu können.

Interview: Uta Schleiermacher
Fotos: Messer

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