Reset Festival Tag 2: Taubenzüchteralarm auf dem Kleinen Bühnenboden

Wenn Kaum Jemand eine Veranstaltung besucht, ist das normalerweise sehr deprimierend. Als sich Michael Holz auf dem kleinen Bühnenbodennachmittag ans Klavier setzte, war das jedoch anders. Der Mann, der hinter dem bescheidenen Künstlerpseudonym „Kaum Jemand“ steckt, bot mit kleinen musikalischen Geschichten einen recht präsentablen Auftakt zum zweiten Tag des RESET Festivals 5, dessen Idylle bewusst nur durch ein paar metallene Bauzäune im Foyer und der knallharten Wahrheit über Taubenzüchter gestört werden konnte.

Kaum Jemand

Normalerweise fange er sofort an zu spielen ohne vorgestellt zu werden, behauptet Liedermacher Kaum Jemand zu Beginn. Doch was ist schon normal an einem Konzert, bei dem in den Liedern innig über das Leben und seine Wirrungen philosophiert wird und sich der Musiker spontan Titel für neue Songs ausdenkt? Kaum Jemand karikiert Geschichten aus dem Alltag, über Handys und deren süchtige Besitzer, und über menschliche Emotionen. Haut mal mehr, mal weniger energisch in die Klaviertasten. Dabei wirkt er wunderbar natürlich und lächelt gekonnt ein paar Texthänger weg. Da ist es auch egal, ob die Frau in seinem Lied die Brötchen nur verkauft oder auch selber backt. Dazu gibt er in seinen Liedern noch sehr persönliche Eindrücke frei. “Ich hab’ geweint vor Glück, dass ich leb'”, erinnerte sich Kaum Jemand in seinem finalen Song an die Zeit nach einer schweren Krankheit.

Auf diese musikalischen Geschichten folgt prompt noch eine weitere Erzählung am Bühnenbodennachmittag.  Doch geht es hier nicht mehr um melodische Schwärmereien über das Leben, sondern um jene bittere Realität, die sonst nur die Seiten 5 bis 7auf knisterndem Recyclingpapier schmückt. Serviert wurde sie in Auszügen in einer Lesung von Autor Ralf Heimann. Dieser zitierte aus seinem Buch “Die Tote Kuh kommt morgen rein”. Was zunächst klingt wie die Wochentagsverwertungsplanung einer Fast-Food-Kette, kommt in Wahrheit aus dem Zeitungsjargon und kann tatsächlich Einblick in den knallharten Journalistenalltag eines lokalen Zeitungsreporters geben. Als solcher bekommt Heimann einen Eindruck von exklusiven Kreisen, welche, wie er selbst sagt “einem selbst dann ein Rätsel bleiben, wenn man sie kennt“. Beispielhaft für diese geschlossenen Gesellschaften sind die Taubenzüchter, die auch in der Lesung im Mittelpunkt standen.

Authentisch beschreibt er Dialoge und Szenen aus dem Redaktionsalltag. Im Mittelpunkt steht der skandalöse Fauxpas einer lückenhaften Berichterstattung, die noch dazu auf der undankbaren siebten Zeitungsseite erfolgte. Das sehen besonders Taubenzüchtervereine gar nicht gerne. So entwickelt sich ein Drama, als der Taubenzuchtvereinsvorstand erbost in der Redaktion anruft. Wie konnte es der Reporter wagen, die Ergebnisse der Taubenpreisflüge einfach auszulassen? Hartnäckig besteht er darauf, dass der Reporter nochmal über die Tauben berichtet. Und diesmal bitte klassischerweise auf Seite 5. Nahezu machtlos muss sich der Reporter dem Einfluss des Taubenzuchtvereins auf das Überleben der lokalen Zeitungspresse beugen. Und so gibt Ralf Heimann ungeschminkt und trocken Einblick in seine Begegnung mit den kritischen Taubenzüchtern und seine geruchsbedingte Ohnmacht am Taubenschlag. Dabei setzt er an den passenden Stellen Pausen, um die Absurdität der Situation und sein persönliches Leiden noch zu unterstreichen . Nützt aber nichts, denn das Publikum muss trotzdem fast die ganze Zeit über lachen.

Und wie sollte es anders sein? Um diese Eindrücke erstmal sacken zu lassen, war für das leibliche Wohl selbstverständlich stets gesorgt – solange sich jeder selbst darum kümmerte. Deshalb konnten sich die Durstigen in der Pause zwischen den Auftritten erstmal einen Kaffee im Foyer sichern . Zum Abschluss gab sich dann die Gitarrenkombo von Alfons Traffic Jam Session mit einer halbstündigen Akkustikkonzerteinlage die Ehre. Und so blieben tatsächlich nur die Bauzäune und ein paar mahnende Worte von Veranstalter Wilko Franz, die an diesem Tag noch an einen traurigen Umstand erinnert haben: Mit den ersten Tönen aus dem Klavier konnte selbst die drohende Schließung des kleinen Bühnenbodens, die eigentlich wie ein Damoklesschwert über ihm schwebt, erneut durch künstlerische Raffinesse in den Hintergrund gerückt werden.

Text: Jessica Klug

Bilder: Stefan Eising

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