Leistungskurs-Lyrik trifft auf Slam-Poesie

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Die Beiträge könnten unterschiedlicher kaum sein. Annette von Droste-Hülshoff (gespielt von Claudia Frost vom Theater Münster) liest Passagen aus ihrem Briefwechsel mit Levin Schücking. Dalibor Markovic (Poetry-Slammer aus Berlin) rappt und beatboxt sich durch seine Texte über „Veraltete Medien“. Beide ernten dafür beim „Dead or Alive“-Poetry-Slam exakt gleich starken Applaus. Dort treten einen Abend lang quicklebendige Slam-Poeten gegen bereits verstorbene Dichter an. Schauspieler des Ensembles Münster messen sich mit den Slammern. Andy Strauß trifft auf Klaus Kinski, Anke Fuchs auf Ernst Jandl, Felix Römer auf Marlene Dietrich.
In bodenlangem, grauem Rock, Schnürstiefeln und strenger Frisur tippelt die Droste auf die Bühne und zerrt einen Brief nach dem anderen aus ihrem Münster-Touristen-Beutel. „Lieber Himmel! warum habe ich einen so schönen Tag ohne dich genießen müssen!“, liest sie anklagend. Hinter ihrer spröden Verschlossenheit tritt mit der Zeit immer stärker ihre Verletzlichkeit hervor. Der geliebte Levin erwidert ihre Leidenschaft nicht, spricht sie als „Mütterchen“ an und schreibt ihr von seiner Braut. „Ja, wie soll man da antworten?“ fragt Claudia Frost und erntet sowohl Lacher als auch Verständnis für ihre Figur. Sie spielt sie als Reisende zwischen den Zeiten, die sich über Milchverpackungen wundert und mit der Frauenrolle hadert: „Das war halt nicht lustig damals, vor Alice Schwarzer.“

„Halt meine Hand…“ oder „Halt, meine Hand!“: ob dieser Satz als Aufforderung oder als Warnung gemeint sei, das hängt laut Dalibor davon ab, ob man „am Strand nett entlanggeht oder ein Schrankbrett entlang sägt.“ Bevor die Zuhörer die erste Wortspielerei so richtig verstanden haben, kommt bei Dalibor bereits die Nächste. Er entdeckt Esel und Schaf in G-esel-schaf-t, den Reverend der zu Rewe rennt und rührt Lüge und Trick zu Lyrik zusammen. Alles begleitet von kleinen, ausdrucksstarken Gesten. Besonders nett ist seine Interpretation von Schere – Stein – Papier: Aus der Geste für die Schere wird bei ihm Zweisamkeit, die an der Kälte eines kalten Herzens (dem Stein) zerbricht. Und damit geht es bei ihm trotz völlig anderer Wortwahl, Sprechhaltung und Vortragsstil um dasselbe Thema wie bei der Droste: die Hoffnung auf Liebe und die Einsamkeit danach.

Dann die Überraschung als die Lichter wieder angehen: Florian Steffens sieht tatsächlich aus wie Klaus Kinski. Er wütet auf der Bühne, versucht, sein Jesus-Projekt zu erklären und spricht und schreit Zuschauer in den ersten Reihen direkt an. Auch Teile seines berühmten Wutanfalls fehlen nicht.
Anke Fuchs trägt einen eher nachdenklichen Text über Weltverbesserer vor, der in dem eher auf Unterhaltung getrimmten Rest etwas untergeht. Doch einen Verriss fürchten muss sie nicht, da sucht Aurel Bereuter sich andere Opfer. Angekündigt ist er als Ernst Jandl und er trägt am Anfang auch sehr überzeugend dessen Gedicht „Bist Eulen“ vor. Danach rutscht er in die Rolle von Marcel Reich-Ranicki, lehnt sich völlig in dessen Sprache und Duktus hinein. Temperamentvoll bearbeitet er einen ganzen Haufen Reclambüchlein, verbeisst sich in sie und lässt zum Beispiel kein gutes Haar an „diesem Jungen im Feuchtgebiet“ einer überschätzten Regionalautorin, (also Droste-Hülshoffs „Knabe im Moor“).

Die Geschichte von Felix Römer hat man dagegen so oder ähnlich irgendwie schon mal gehört. „Steine auf den Augenlidern und ein Karamellbonbon dazwischen“: Da geht es um den Morgen nach einer durchzechten Nacht, samt unwillkommener Körperausscheidungen, seltsamer Gedankengänge und verlangsamter Wahrnehmung. Bis dem Protagonisten aufgeht, dass „das Kotzen das am wenigsten ekligste in der letzten halben Stunde war.“
Durch den Abend führen Andreas Weber und Stefan Schwarze, eine Jury aus sieben Zuschauern verteilt Punkte. Dalibor und Annette von Droste Hülshoff erzielen die meisten Punkte und dürfen noch mal ran, doch danach kann sich das Publikum nicht mehr entscheiden. Daher dürfen sie sich Lorbeerkranz und Whisky-Flasche am Ende teilen. Insgesamt ein gelungener Versuch, Hoch- und Off-Kultur zusammenzuführen. Die toten Dichter ergänzen den altbekannten Ablauf eines Poetry-Slams und fügen ihm einen ganz neuen Aspekt hinzu.

Uta Schleiermacher

Fotos: Oliver Berg

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