Hipster und Bauchspeicheldrüsen-Zellen

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Johannes Hinrich von Borstel erklärt, wie Sex das Leben verlängern kann | Foto: Dennis Stachel

„Stellt euch einmal einen Hipster ohne Hornbrille vor – komplett hilflos“, sagt Nuria Cerdà-Esteban und setzt zur Demonstration ihre Hornbrille ab. Nuria ist eine der acht Finalisten der deutschsprachigen Meisterschaft des Science Slam. Als einzige Frau steht sie am vergangenen Freitag auf der Bühne des großen Hauses im Theater Münster und redet eigentlich gar nicht über Hipster. Denn bei einem Science Slam geht es darum, dass Jungakademiker ihr Forschungsthema innerhalb von zehn Minuten verständlich – und vor allem möglichst unterhaltsam – an ein Publikum aus Laien vermitteln. Noch nie war ein Crashkurs in Quantenphysik so amüsant, Gefäßverkalkungen so sexy und eine Bauchspeicheldrüsenzelle so hip. Denn das ist es worüber die spanische Biologin, die in Berlin forscht, eigentlich spricht, wenn sie Hipster sagt. Die Bauchspeicheldrüsenzellen eines Diabetikers sind ohne sogenannte Inselzellen völlig hilflos. Und Nuria versucht Zellen aus der Leber zu Bauchspeicheldrüsenzellen umzuerziehen. „Hipster sein ist nämlich ansteckend“, so Nuria.

Die acht besten Slammer Deutschlands wurden in vier Vorentscheiden in Nord-, Ost-, Süd- und Westdeutschland ausgewählt. Moderiert wird das Finale vom ehemaligen münsterschen Studenten und Kabarettisten Christoph Tiemann. Dieser versteht es die 800 Zuschauer im großen Haus zu motivieren und zu unterhalten: Er verteilt Aufgaben an einzelne Zuschauer. Die „Wellen-Beauftragte“ Gerlinde in der ersten Reihe zum Beispiel ist immer dann für eine La-Ola-Welle zuständig, wenn die Stimmung kocht. Durch die Übertragung des Slams per Live-Stream in der WDR-Mediathek können auch die Zuschauer zu Hause daran teilhaben und ihre Meinung über soziale Netzwerke mitteilen. Die Zuschauer anzusprechen und zu überzeugen ist auch für die Slammer von größter Bedeutung – denn das Publikum entscheidet über den Gewinner. Zwölf Juroren werden willkürlich ausgesucht, die am Ende des Abends Tafeln mit Punkten von eins bis zehn hochhalten sollen. Als Trophäe winkt das schwarz-rot-goldene Gehirn des Science Slams, welches NRW-Bildungsministerin Svenja Schulze höchstpersönlich vorbeibringt. Für die musikalische Unterhaltung sorgt die Nachwuchsband „Box in the Attic“ aus Münster, deren Mischung aus Funk und Soul hervorragend zu der ausgelassenen und entspannten Atmosphäre im Theater passt.

In seinem Vortrag „Möchten sie vielleicht Pommes zu den Pommes?“ verrät Johannes Schildgen aus Kaiserslautern den Zusammenhang von Antipickelstiften und World of Warcraft: „Woher weiß Amazon, dass Käufer die Pickel haben auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Computerspiele kaufen?“, fragt er. Dies wird mithilfe von Algorithmen berechnet, die Schildgen auch selbst benutzt. Aus dem Internet nimmt der Biologe und Navigationsforscher Sigfried Bolek seine Zuhörer mit in die Wüste und erklärt warum sich Ameisen und Piraten eigentlich ganz ähnlich sind. „Beide benutzen Vektoren und ein Schrittzählsystem, um auf direktem Weg zurück zu ihrem Bau zu kommen – beziehungsweise zur Bar“, erklärt er.

Die erste La-Ola-Welle des Abends erntet Reinhard Remfort. Er ist experimenteller Physiker –„Ja, genau wie die bei The Big Bang Theory“. Er zischt sich erstmal ein Bier und fragt dann, wie viele Physiker denn im Publikum säßen. Zwei schüchterne Hände gehen nach oben. „Und jetzt einmal nur die Frauen, bitte.“ Keine weitere Hand rührt sich. „Das ist der Grund warum ich trinke“, sagt Remfort und beweist in seinem Vortrag über „Dienliche Effekte“, dass Physik Männer wie Frauen zum Lachen bringen kann. Der Duisburger beschießtfür seine Forschung einzelne defekte Stellen in Diamanten mit Lasern, um zu schauen, welche Zustände diese annehmen können. Um dies verständlicher zu machen gibt er einen höchst unterhaltsamen Einblick in die Quantenphysik und erklärt kurz und knapp die Konzepte von Planck, Heisenberg und Schrödinger.

Wie Sex und Gefäßverkalkungen zusammenhängen erklärt Johannes Hinrich von Borstel aus Marburg. Der Kardiologe ist überzeugt davon, dass mehr Sex für viele Menschen ein längeres Leben bedeuten könnte, da der Körper dabei viele Stoffe gegen die Verkalkung selbst bilden kann, die sonst durch Medikamente zugeführt werden müssten. Das Publikum will ihm seine Theorie gerne glauben. Ebenfalls um die Beziehung der Geschlechter geht es bei Johannes Kretzschmar aus Jena. Er gilt nicht umsonst als der Mario Barth unter den Science Slammern. Der Informatiker erforscht die Komplexität und Berechenbarkeit von Mode. „Kann mein Computer mir sagen, was ich anziehen soll?“, hat er sich gefragt und sich an einer Fallstudie an sich und seiner Freundin versucht. Mit handgezeichneten Comics von sich und seiner Freundin erklärt er dem Publikum, dass ein Computer einem zwar einen pragmatischen Rat über Mode geben, jedoch nicht die „Hipsterness“ eines Outfits berechnen kann. „Meine Freundin schafft also jeden Tag, was selbst die größten Server der Welt nicht schaffen“, stellt er fest.

Mit Benjamnin Stegmann aus Ulm betritt ein weiterer Biologe die Bühne. Er hat drei Monate lang in Panama das Gebiss von Fledermäusen erforscht, die sich hauptsächlich von süßen Früchten ernähren ohne jemals Karies zu bekommen. „Ich musste feststellen, dass das Gebiss der jamaikanischen Fruchtfledermaus perfekt dafür gemacht ist, um jungen Wissenschaftlern in den Daumen zu beißen“, sagt Stegmann. Der letzte Slammer des Abends ist Patrick Harms. Der Informatiker erforscht die „Usability“, also die Benutzerfreundlichkeit, von Internetseiten. Seine Ergebnisse dazu singt er dem Publikum vor – zur Melodie von Schlagern. Damit hat wohl keiner der Zuschauer gerechnet, dennoch sind sie hin und weg vom Göttinger. Übrigens findet Harms, dass Facebook die benutzerunfreundlichste Internetseite ist. „Ich habe erst seit einem halben Jahr einen Account, den meine Freundin für mich bedienen muss.“

Dann ist es Zeit für den Höhepunkt des Abends. Die Juroren im Publikum dürfen, lautstark durch ihre Sitznachbarn beeinflusst, ihre Wertung abgeben. Richtig schlecht schneidet keiner der Slammer ab, dennoch gibt es einen eindeutigen Gewinner: Reinhard Remfort und sein Vortrag über Quantenphysik im Schnelldurchlauf. Den zweiten und dritten Platz teilen sich Biologin Nuria Cerdà-Esteban und Informatiker Johannes Kretzschmar. Der Gewinner nimmt das schwarz-rot-goldende Gehirn entgegen, ruft noch einmal „Mutti, Ich liebe dich“ in die Kamera und wird unter tosendem Applaus von den Zuschauern verabschiedet. So ist Wissenschaft garantiert alles andere als langweilig.

Hier könnt ihr euch die besten drei Beiträge noch einmal angucken:

Platz 1:

Platz 2:

Text: Pia Siemer

Bilder: Dennis Stachel

Videos: Bastian Worrmann

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