Gottesteilchen, Frühlingsgefühle und mehr: Krawehl!

Krawehl: Nicolas Ermisch, Kay Manteuffel, Basti Vaterland, Christian Erll, Markus Strathaus, Torben Schreiber, Wilko Franz

Krawehl: Nicolas Ermisch, Kay Manteuffel, Basti Vaterland, Christian Erll, Markus Strathaus, Torben Schreiber, Wilko Franz

Um an einem Freitagabend den alltäglichen Wahnsinn hinter sich zu lassen, kann man gemütlich einen Film auf der Couch daheim gucken, entspannt Münsters Promenade entlangspazieren oder zu der simplen Erkenntnis kommen, dass Wahnsinn durchaus relativ ist. Letztere lässt sich gut durch den Besuch einer Aufführung der Lesebühne Krawehl! erlangen. Ihr lebhafter Auftritt entführt die Zuschauer in eine Welt voller Humor, philosophischer Diskussionen über Zeit und Raum, Poesie und Musik – damit wäre nur ein Bruchteil der verschiedenen Themen genannt, die Krawehl! in ihrer Show zum Gegenstand machen. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass es immer noch schräger geht.

„Krawehl!“, das bedeutet eine Bühne, acht Geschichten, ein Sterbender, zwei tanzende Bigfoots, ein radikaldarwinistischer Poet, eine sprechende Blume, ein sprechender Baum, ein kopfloser Körper, ein körperloser Kopf, ein Spartaner, ein Sänger in Frauenkleidern und Reizwäsche, ein Sänger mit Gitarre, und… Moment, haben die Bigfoots nicht auch gesungen? Egal: ein Philosoph, eine Krankenschwester namens Manfred und und und… Im Prinzip das traditionelle Erfolgskonzept für eine ruhige Lesung an einem besonnenen Abend.

Spaß beiseite. Krawehl! überrascht mit einer gelungen und vielschichtigen Lesung, und wird von den 200 Gästen im Carpe Noctem gefeiert. Zu Recht! Neben den abstrusen Geschichten von zeitreisenden Tieren, pseudointellektuellen Soziopaten und Dichtung über das „Jubelfest der Triebe“ wird das Publikum immer wieder von der dramatischen Rahmenerzählung „Heathcliff liegt im Sterben“ unterhalten. Dass letztere nicht ohne gesangliche  Travestienummern auskommen kann, muss wohl kaum erklärt werden.

Der Abend wird also nicht ganz so ruhig, dafür aber umso bunter und fantasievoller. Das einzige Konstante ist die Bühne mit dem Schild „Wirtshaus zum würzigen Wildschaden“ und der Lesesessel in ihrer Mitte. Ansonsten herrscht Abwechslung:

Kay Manteuffel erzählt vom Radiointerview seines Alter Ego Hermann Teuffel, Autor des Erfolgsromans, „Die Insel der Einbeinigen“, dessen einbeiniger, taubstummer und buckeliger Hauptcharakter eine gelungene Identifikationsfigur für das Publikum ist. Torben Schreiber lässt in „Guten Morgen, Herr Schreiber“ nochmal seinen letzten Abend auf einer Vernissage Revue passieren, nachdem er in seinem Garten Münsters Touristen-Raupe und ein holländisches Rentnerpärchen entdeckt.

Christian Erll gesteht seiner Mutter gesanglich und mit Gitarre, dass er seine genetische Reproduktion erst mal aufs Trockene legen möchte. Für Verwirrung über Zeit und Raum sorgt Basti Vaterland mit der Geschichte „Wie der letzte Dodo der letzte Dodo wurde“, in der der Zeitreisende File Upload Datashare seine Tötungskünste (gelernt im Volkshochschulkurs „Wie werde ich zum Assassinen in fünf Tagen“) demonstriert. Zwischendurch immer wieder dramatische Sterbeszenen von Heathcliff, dessen Freundin Cathy schwanger geworden ist, gespielt, gelesen, getanzt und gesungen von Wilko Franz.

Pause, Dankeschön. Die Lachmuskeln im Gesicht schmerzen langsam. 15min Ruhephase. Weiter geht’s:

Nicolas Ermisch dichtet lyrisch über das „Jubelfest der Triebe“ und die Last der Natur. Dabei nutzt er geschickt das Stilmittel der Hasstirade durch darwinistische Parolen wie „Ihr seid selber schuld daran, dass euch keiner leiden kann“. Anschließend eine kleine Unterbrechung für die „Elf-Ohr-Nachrichten“ von Christian Erll, der vom Amoklauf einer rassistischen Ampel und von der Entdeckung des Gottesteilchens an der Fernuniversität für Telekinese berichtet. Markus Strathaus erzählt von einer Hinrichtung, in der der Henker versucht mit dem Verurteilten Smalltalk zu führen, und kein Verständnis hat, warum dieser sich nicht auch für die Klage von Uri Geller gegen Nintendo interessiert. Abschließend der dramatische Wendepunkt in der Rahmenerzählung: Heathcliff ist nie gestorben. Nicht er, sondern Cathy lag im Sterben. Er hat sich zu einer Frau operieren lassen, um seinem Sohn eine normale Kindheit bieten zu können. Erst jetzt traut er sich seinem Sohn zu gestehen: „Ich bin dein Vater“. Das gefühlvolle Ende wird musikalisch passend mit „Everybody dance now“ unterbrochen, bevor Heathcliff/Cathy im aufreizenden Frauenkostüm Adeles „Skyfall“ mit „This ist the end“ anstimmt.

An diesem Abend bleibt, ein Grinsen auf dem Gesicht der Zuschauer und die Erinnerung an einen humorvollen Abend mit fantasievollen Geschichten, präsentiert von Männern in Strapse und tanzenden Bigfoots, Förstern und Kopflosen. In diesem Sinne „Everybody dance now“.

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