Düstere Vision: “Unschuld” im Theater Münster

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Das Theater Münster traut sich was mit „Unschuld“. Denn ein modernes Stück hat es erfahrungsgemäß schwer sein Publikum zu finden. Und dann werden darin auch noch so schwierige Themen wie Schuld und Tod behandelt. Dabei müssten doch gerade Schauspiele dieser Art großen Zuspruch finden. Wie sonst könnte man ein Publikum gezielt ansprechen?

Das Bühnenbild deutet gleich in welche Richtung es geht: Der Geruch von Staub und Dreck steigt einem beim Betreten des Saales in die Nase. Farben gibt es kaum. Alles ist graubraun. Drei Balken ragen schräg aus einer riesigen schiefen Ebene, die die ganze Bühne einnimmt. Kann so ein sicherer Grund für ein so umfangreiches Stück aussehen?

Unschuld

Es geht rund: Aurel Bereuter, Dennis Laubenthal, Maike Jüttendonk, Claudia Hübschmann, Regine Andratschke Foto: Jochen Quast

Zwei junge Männer, Flüchtlinge aus Afrika, wälzen sich über den Boden. Sie sind überglücklich den Hafen von Hamburg erreicht zu haben. Hier sehen sie eine vielversprechende Zukunft: „Auf dieses Meer zu sehen ist Freiheit, Fadoul“, sagt einer der beiden. Doch dieses Glück währt nicht lange, als sie beobachten wie sich eine Frau im Meer umbringt und beide zu feige sind sie zu retten.

Die damit aufgeladene Schuld frisst sie auf und sie beginnen schnell an dieser vermeintlich heilen Welt zu zweifeln. Die beiden sind nicht die einzigen Leidenden. „Unschuld“ ist eine Collage skurriler Figuren, deren Wege sich teilweise kreuzen, teilweise nicht. Da sind zum Beispiel Rosa und ihr Mann Franz, die beide ihr Potential im Leben nicht ausschöpfen. Eine Beziehung existiert zwischen beiden nicht mehr, obwohl Rosa sich das wünscht. Sie kämpft darum und zieht verzweifelt alle Register. Doch ihr Mann kümmert sich nur noch um nicht abgeholte Urnen, die er von der Arbeit in einem Bestattungsunternehmen mit nach Hause bringt. Rosas schwerkranke Mutter quartiert sich zu allem Überfluss noch in die ohnehin zu kleine Wohnung der beiden ein.

Eine gealterte Philosophin hält verworrene Monologe, glaubt nur noch an die „Unzuverlässigkeit der Welt“, während ihr Mann stumm dasitzt und Schmuck designt.
Frau Habersatt gibt sich als Mutter von Straftätern aus, obwohl sie frei von Schuld ist.
Eine blinde Stripperin, deren ebenfalls blinde Eltern sie nach ihrem Ebenbild schaffen wollten, beginnt auf merkwürdige Weise eine Beziehung mit Fadoul.
Zwei Männer zelebrieren ihren gemeinsamen Selbstmord als Erlebnis und springen grundlos in den Tod.

Foto: Unschuld

Zwei komische Selbstmörder: Ilja Harjes, Frank-Peter Dettmann | Foto: Jochen Quast

In „Unschuld“ passiert unfassbar viel. Dazu wird viel gesprochen. So ist es möglich, die Vielzahl unterschiedlicher Charaktere kennenzulernen und zu verstehen. Dass das nicht langweilig wird, liegt zum einen an der guten Textvorlage von Dea Loher: Immer wieder flammt hintergründiger, tiefschwarzer Humor auf. Anfangs erntet er nur ein paar zögerliche Lacher, gipfelt später aber in ein paar wirklich lustigen –man könnte fast sagen „heiteren“ – Szenen, die die ansonsten nicht einfache Kost etwas erleichtern.

Zum anderen liegt das an den vielen hervorragend herausgearbeiteten Figuren. Durch ihre Skurrilität hätten sie schnell unglaubwürdig oder steif wirken können. Hier haben die Schauspieler und das Team um Regisseurin Bernadette Sonnenbichler ganze Arbeit geleistet. Die verschiedenen Episoden gleiten gut ineinander über und entwickeln einen Sog, in den der Zuschauer immer weiter hineingezogen wird.

Insgesamt entsteht ein düsteres Gesellschaftsbild. Nicht zuletzt der Endzeit-Look und der sich auf der Bühne sammelnde Müll lassen Schlimmes erahnen. Nur zwischendurch blitzt kurz mal etwas Hoffnung auf. Die krassen Szenen und zugespitzten Charaktere zeigen jedoch besonders die Schwächen unserer Zeit und eröffnen einen Blick in eine mögliche Zukunft. Das regt zum Nachdenken an. Trotzdem schafft es das Stück zu unterhalten. Ein Besuch lohnt sich, man sollte aber unbedingt noch jemanden mitnehmen. Für ein gutes Gespräch im Anschluss.

„Unschuld“ wird bis zum 6. Juli aufgeführt. Alle Termine und Preise gibt es auf der Website des Theaters.

 

Über Bastian Worrmann

Ich bin hier der Videotyp. In Kamera, Schnitt und Animationen bin ich irgendwie so reingerutscht und mache das längst nicht mehr nur für fietscher. Auch die Angst vor dem weißen Blatt und dem blinkenden Cursor kann ich inzwischen ganz gut mit der Tastatur bekämpfen. Als gelegentlicher Schauspieler am Theater schreibe ich dann am liebsten... Genau. Über Theater.

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