Dead or Alive Poetry Slam

16_Anton_Tschechow_und_Goethe_SliderAm Ende stehen die beiden Finalisten Tobias Gralke und Rolf-Dieter Brinkmann auf der Bühne und rauchen gemeinsam lässig eine Kräuterzigarette, während das Publikum über den Gewinner per Applaus entscheidet. Konkurrenz sieht anders aus, aber es ist ja schließlich nur einer der beiden auch außerhalb des Theaters Münster noch am Leben. Der zweite Dead or Alive Poetry Slam im Theater Münster bot auch in diesem Jahr wieder faszinierende Wortgefechte zwischen aktuellen Größen der Poetry-Slam Szene und toten Poeten, gefahren in die Körper von Schauspielern aus dem Theater Münster. Schließlich kann sich der Freiburger Poetry-Slammer Graelke knapp gegen den Vechtaer Dichter, der 1975 in London verstarb, durchsetzen. Davor hatte er sich bereits gegen die untoten Dichter und Philosophen Johann Wolfgang von Goethe, Anton Tschechow und Dieter Roth behauptet, sowie gegen drei quicklebendige Slammer.

Den Anfang machte einer der Poetry-Slammer, der immer noch unter uns weilt. Der zweifache bayrische Meister Max Kennel aus Bamberg versucht die Ruhe vor dem Sturm einzufangen. Wie „der Moment bevor sich zwei Menschen zum ersten Mal küssen“ sei er, „wie der Aderlass vorm Gewitter“ und zugleich „groß, grau und ungemütlich wie eine Ikea-Couch.“

Dann wird es Zeit für den ersten Besuch aus dem Jenseits an diesem Abend. Aus den Nebelschwaden, die vom Bühneneingang herquellen, entsteigt Johann Wolfgang von Goethe – aber nicht ganz so wie wir ihn im Deutschunterricht kennen gelernt haben. Denn der deutsche Nationaldichter hat sich anscheinend im Totenreich dazu entschieden eine transsexuelle Identität anzunehmen und will fortan als Johanna Wolfgang von Goethe angesprochen werden. Doch so ganz scheinen sich die männliche und weibliche Seite des Dichters nicht vereinen zu lassen und so führen sie ein sehr amüsantes und schlüpfriges Zwiegespräch auf der Bühne. Der weibliche Teil Goethes schätzt goldenen Schmuck, der männliche die neu gewonnen Oberweite.

Als nächstes betritt die eindeutig weibliche und eindeutig lebendige Poetry-Slammerin Theresa Hahl die Bühne. Die Bochumerin erzählt von einem nächtlichen Zwiegespräch auf einem Garagendach beim Verzehr von Heidelbeeren zwischen einem zynischen Idealisten und einem verträumten „Mondfuchsmädchen“. „Jeder Mensch hat doch zwei Augen mit denen er die Welt betrachtet. Man darf nicht immer eins geschlossen halten“, sagt sie.

Bevor Rolf-Dieter Brinkmann selbst die Bühne betritt, kündigt ihn der penetrante Geruch seiner Kräuterzigaretten an. Mit wilden Haaren, Jeanshose und –jacke und Rucksack stellt er sich ans Mikro und rezitiert „Ein Gedicht“: „Es gibt in dem Gedicht keinen Staat Kalifornien. Es gibt kein Oregano in dem Gedicht. In diesem Gedicht gibt’s kein Meer.“ Dabei wirkt er genervt, mal wütend und manchmal auch ganz ruhig. Die Zuschauer spenden begeisterten Beifall.

Micha El Goehre aus Bielefeld berichtet davon, wie er auf einer Zugreise die Geister aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Partys traf und dabei einiges übers Leben lernte.

Dann gibt es noch ein kurzes Wiedersehen mit Johanna Wolfgang Goethe, denn die zieht den im Bollerwagen liegenden Anton Tschechow auf die Bühne. Der alkoholkranke Dichter verzweifelt an der Tristheit seines Daseins und zieht den Freitod in Erwägung. Doch dafür hat er dann doch nicht den Mut und beginnt aus seiner Wut heraus einen Streit mit Goethe. Als diese er dieser lauthals „Fuck You Goethe!“ ins Gesicht brüllt, tippelt diese beleidigt von der Bühne. Tschechow erntet einige Lacher.

Auch Tobias Gralke kennt das Gefühl von Wut. Doch diese richtet sich nicht gegen ihn selbst, sondern gegen unsere Medienwelt, die uns die „eine Wahrheit“ vorgaukelt. Er ruft das Publikum dazu auf mehr zu hinterfragen und spielt dabei in Höchstgeschwindigkeit mit Worten. Mit einem äußerst philosophischen Rambo-Zitat rundet er sein „kleines Manifest“ ab. Dafür wird er vom Publikum mit der höchsten Punktzahl des Abends belohnt.

Der letzte Untote auf der Bühne ist der Schweizer Dichter Dieter Roth, ein Dadaist wie er im Buche steht. Er hat für das Publikum nur ein Wort übrig: „Murmel“. Dafür wiederholt er dieses Worten in allen Facetten und Möglichkeiten der menschlichen Aussprache. Dennoch schien das Publikum erleichtert nur einen sechsminütigen Ausschnitt aus seinem eigentlich 117-seitigen Theaterstück präsentiert zu bekommen.

Durch den Abend führen Andreas Weber und Stefan Schwarze, eine Jury aus sieben Zuschauern verteilt Punkte. Nach diesen skurrilen Auftritten ist es ausgerechnet ein sehr ernster Text mit dem Tobias Gralke den Dead or Alive Slam gewinnt. Es ist ein Lied an alle „Belogenen, Betrogenen, Pechvögel und Pfandsammler“ und für alle die nie aufgeben. Es ist ein Lied für seine Mutter, „die nicht gehen wollte und es doch musste.“ Und so endet dieser verrückte Abend, bei dem moderne und vergangene Kunst sich so nahe kommen wie sonst nie, mit einer Gänsehaut.

Text: Pia Siemer

Fotos: Daniele Ferraro

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