Das Publikum auf der Bühne: ‚Antigone‘ im Theater Münster

Eckige Schaumstoffklötze werden auf der Bühne des Kleinen Hauses im Theater Münster hin- und hergerückt. Bei der Premiere des Stückes ‚Antigone‘ dienen sie dem Publikum als Sitzmöglichkeit. Als das Stück beginnt, scheint noch nicht jeder Zuschauer zufrieden mit seiner Sitzposition zu sein. Einige schieben die Kissen zurecht, stapeln sie, verwenden sie mal hochkant und mal quer. Als sich ein weißer Vorhang aus Tüchern in einem Kreis um Zuschauer und Bühne schließt, ist allen Zuschauern klar, dass es sich um einen Theaterbesuch der besonderen Art handelt.

Kampf zwischen Brüdern

Kampf auf Leben und Tod: Florian Steffens und Maximilian Scheidt. Foto: Ludwig Olah

Zwei junge Männer treten aus dem Publikum hervor und beginnen eine brutale Prügelei. Statt Worten hört man das Schnaufen der beiden männlichen Schauspieler. Die räumliche Nähe des Publikums zum Geschehen führt zu erschrockenem Aufzucken und Zurückweichen. Als schließlich Kunstblut fließt und die Szene endet indem beide Männer tot zu Boden gehen, wenden sich einige Zuschauer ab oder halten sich die Augen zu. Das Publikum ist von der ersten Sekunde an gefangen und folgt dem Stück aufmerksam. Diese Aufmerksamkeit steigert sich im weiteren Verlauf nicht zuletzt dadurch, dass die Figuren des Stückes Bezug auf die Zuschauer nehmen. Das Publikum wird inhaltlich eingebunden und stellt die Bevölkerung der Stadt Theben dar. Ausrufe fordern die Bürger zu Stellungnahmen auf oder beklagen deren Neutralität. Dadurch bekommen die Zuschauer das Gefühl etwas beitragen zu müssen. Stattdessen blicken die meisten jedoch starr auf das Schauspiel und den Boden oder verrücken erneut ihr Sitzkissen. Die Tatsache, dass die Schauspieler sich teilweise mitten im Publikum aufhalten, dort umhergehen und ihre Texte sprechen führt dazu, dass  viele Köpfe gewendet werden und verschiedene Szenen parallel beobachtet werden können. Es gibt kein ‚Vorne‘ und kein ‚Hinten‘- die Zuschauer betrachten die in der Mitte gespielte Szene aus der Perspektive, die sich durch ihren Sitzplatz ergibt.

Inhaltlich thematisiert das Stück den Mythenstoff der Antigone, einer außergewöhnlichen Frauenfigur aus dem antiken Griechenland, die im Gegensatz zum damals herrschenden Frauenbild aktiv politisch handelt. Auf ihrer Familie liegt ein Fluch – sie ist neben drei weiteren Geschwistern Tochter des Ödipus. Als sich ihre Brüder im Streit um die Herrschaft in Theben töten, was in der bereits geschilderten Eingangsszene des Stückes dargestellt wird, und Antigone sich für eine angemessene Beerdigung beider Brüder einsetzt, beginnt der Kampf um ihr Leben.

Trotz drohender Todesstrafe begräbt Antigone ihren Bruder. Mit Johanna Marx und Florian Steffens

Trotz drohender Todesstrafe begräbt Antigone ihren Bruder. Mit Johanna Marx und Florian Steffens. Foto: Ludwig Olah

Kurz vor Ende des Stückes entfernt ein Schauspieler die weißen Tücher, die als Trennwand dienen, es wird plötzlich hell und das Publikum kann sich langsam darauf vorbereiten, wieder aus der zerbrochenen Welt der Antigone in die Realität überzugehen. Die Zuschauer applaudieren im Stehen. Unklar bleibt ob dies daran liegt, dass sie froh sind von ihren Sitzkissen aufstehen zu können, oder tatsächlich ‚Standing Ovations‘ geben wollen. Jedenfalls wirken Schauspieler und Regisseur zufrieden. Eine gelungene Premiere des Stückes, welche vermutlich einige Zuschauer auf dem Heimweg zum Nachdenken angeregt hat.

Wer ebenfalls Teil dieser Inszenierung sein und sich selber ein Urteil bilden möchte, kann dies noch bis zum 10.07.2013 tun. Alle Termine und Preise gibt es auf der Website des Theaters.

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